ADHS -
Behinderung, Krankheit oder einfach anders normal?
ADHS bedeutet laut Definition: Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom.
„Bei ADHS handelt es sich um eine neurobiologische Erkrankung, bei der es zu einer teils veränderten Informationsübertragung zwischen Nervenzellen im Gehirn kommt.
Kernsymptome sind Aufmerksamkeitsstörungen, Hyperaktivität und Impulsivität.“
Das ist die allgemeine Definition, ein bisschen nichtssagend und wahrscheinlich auch dir auch schon bekannt.
Die drei Kernsymptome sind dann noch detaillierter in unterschiedliche Ausprägungen untergliedert und weiter ausgeführt.
Um offiziell an ADHS leiden zu dürfen, müssen mindesten sechs der Symptome gehäuft und in verschiedenen Lebensbereichen auftreten.
Dazu müssen die Symptome zumindest teilweise auch schon vor dem siebten Lebensjahr aufgetreten sein.
Außerdem dürfen sich die Symptome nicht durch andere psychische oder medizinische Erkrankungen erklären lassen.
Der Punkt der emotionalen Regulationsstörung ist in der Definition gar nicht aufgenommen. Eigentlich der Punkt, mit dem die meisten ADHSler zu kämpfen haben.
Soweit zu den Grundlagen.
Ich bin vor ein paar Jahren auf dieses Thema aufmerksam geworden.
Ich war mal wieder mit meinen typischen Schwierigkeiten in meinem Job konfrontiert (der fünfte in den letzten fünf Jahren) und langsam gingen mir die Ausreden aus.
Und dann läuft da so eine Dokumentation über ADHS im Fernsehen und ich dachte mir nur:
„Echt jetzt, das kann es doch nicht sein?!“
Bis dahin hatte ich bei ADHS nur die Kinderkrankheit im Kopf, das typische hyperaktive Kind, also nichts für mich.
Das hätte doch jemand erkannt, wenn das der Fall gewesen wäre.
Trotzdem, die so lange gesuchte mögliche Antwort für meine Schwierigkeiten lag plötzlich vor mir. Ich stürzte mich auf das Thema und alles ergab plötzlich Sinn.
Ein paar Monate später war die Vermutung dann offiziell bestätigt:
Ja, ich habe tatsächlich ADHS.
Ich war so erleichtert: Ich bildete mir nicht nur ein, anders zu sein, ich war es tatsächlich.
Und es gab sogar einen Namen dafür. Endlich waren da eine Erklärung und irgendwie auch eine Rechtfertigung. Ich schwebte kurz auf Wolke Sieben.
Ich habe mich für eine medikamentöse Therapie (Medikinet) entschieden.
Ich bekam meine Medikamente und einiges wurde plötzlich viel einfacher.
Endlich konnte ich mehrseitige Verträge lesen, ohne dass die Worte vor meinen Augen verschwammen und ich konnte Gesprächen folgen, ohne zwischendrin abzudriften.
Ich befand mich in der sogenannten „Honeymoon-Phase“.
Ich war mir so sicher, dass jetzt alles besser würde.
Für einige Zeit hab ich das Ganze einfach wirken lassen, und es lief ganz gut.
Endlich konnte ich mich einfügen in diese tolle Leistungsgesellschaft.
Das leisten, was alle anderen doch anscheinend so mühelos taten.
Ich suchte mir einen neuen Job und dachte, jetzt hätte ich es gepackt.
Hallo neues Leben, ich bin endlich dabei!
Natürlich kam nach einigen Wochen die Ernüchterung, meine Probleme ließen sich nicht durch eine Pille lösen. Wäre ja auch zu schön gewesen…
Also wieder zurück zum Anfang.
Ich setze mich wieder mit ADHS auseinander, diesmal aber so richtig.
Alle Artikel, Videos, Blogs und Bücher, die mir in die Finger kamen, mussten an meinen Hyperfokus glauben.
Mit jedem neuen Buch zu Thema ADHS wuchs meine Verzweiflung.
Die Auswirkungen von ADHS werden oft sehr düster beschrieben und es schien eine unausweichliche Einschränkung für das ganze Leben zu sein.
Seitenlang ging es um die Defizite, und die Vorteile wurden nur am Rande mal erwähnt, aber definitiv nicht in den Vordergrund gestellt.
Ein Leben mit ADHS scheint nur mit viel Unterstützung und Hilfe lebenswert zu sein.
Aussagen, wie zu gering ausgeprägt Hirnregionen, fehlende Neurotransmitter, unheilbar und aussichtslose Entwicklungsmöglichkeiten, sowie quasi unausweichliche Komorbiditäten (auftretende Nebenerkrankungen, wie Depression und Angststörung) schlugen mir ins Gesicht.
Wie hab ich es nur bis hierher überleben können und wie konnte ich es nur wagen, mich fortzupflanzen, wenn die Vererbungsrate von ADHS doch 75% beträgt?
Das wollte ich nicht akzeptieren, und mein Widerstand gegen diese Vorstellung wuchs. Ich wollte nicht glauben, dass eine „Krankheit“, mit der immerhin ca. 5% der Menschheit lebt, so schlimm und vernichtend sein kann.
Mich ließ vor allem der Aspekt nicht los, dass die Ursache von ADHS einen nicht unerheblichen genetischen Ursprung hat.
Wieso sollte sich die Natur nur so etwas Dummes ausdenken, wenn das nicht einen tieferen Sinn hätte?
Die Natur ist doch so gnadenlos, alles was nicht sinnvoll ist und zu viel Energie kostet, wird doch mit der Zeit von ihr eliminiert.
Aber ADHS ist noch da, warum? Könnte es sein, dass das ADHS-Gehirn nicht krank, sondern sogar ziemlich sinnvoll ist?
Was, wenn ADHS kein Problem, sondern eine wichtige Normvariante des menschlichen Gehirns ist, die die Menschheit genau an den Punkt gebracht hat, an dem sie jetzt steht?
Das einzige Tier, das in jeder Region dieser Welt vertreten ist und die Umwelt so an sich anpassen kann, wie keine Spezies bisher.
Natürlich bin ich auch auf die „hunter-farmer-Theorie“ gestoßen:
ADHSler wären früher die perfekten Jäger gewesen.
Endlich mal eine schöne Idee, nur leben wir ja in einer Welt, in der wir uns unser Essen nicht mehr jagen müssen.
Aber sind wir jetzt der Blinddarm der Menschheit?
Das fühlt sich nicht wirklich besser an.
Ich glaube, ADHS war und ist für die Menschheit eine wichtige Bereicherung.
Wir stehen wieder vor einem Zeitalter, in der Kreativität, Intuition, Spontanität, unkonventionelles Denken und Empathie wichtig werden und eventuell sogar den entscheidenden Unterschied machen.
Alle unsere Kernkompetenzen sind also wieder gefragt.
Immer mehr Menschen erkennen, wie wichtig es ist, sich regelmäßig Auszeiten zu nehmen, sich auf das Wesentliche zu reduzieren und nicht mehr nur zu roboten.
Wenn wir unsere Schwierigkeiten mal genau betrachten, dann sind sie oft nur schwierig in dieser heutigen Gesellschaft.
Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir uns von der Gemeinschaft zum totalen Individuum entwickelt haben, das natürlich alle Ansprüche erfüllen soll.
Ich will niemandem die individuellen Schwierigkeiten kleinreden.
Aber ich möchte anregen, sie mal in diesen Kontext zu setzten und vor allem in Frage zu stellen, ob es wirklich ein Problem sein muss.
- Warum scheitern wir so oft?
- Warum sind wir so oft unangepasst bzw. an was sind wir nicht angepasst?
- Warum sind wir so unsicher?
Wir sind bestimmt nicht mit diesen Unsicherheiten auf die Welt gekommen.
Wir haben es gelernt, uns immer wieder in Frage zu stellen und uns für nicht ausreichend zu halten.
Aber das muss nicht so sein.
Ich habe mein ADHS-Gehirn mittlerweile sehr lieb gewonnen und vertraue wieder auf mich.
Ich akzeptiere nicht mehr nur, sondern stelle immer mehr meine Umwelt in Frage.
Ich lerne jeden Tag mehr, mich nicht nur zu akzeptieren, sondern auch so zu lieben.
Ich kämpfe nicht mehr gegen mich, sondern für mich.
Ich möchte aber nicht nur für mich kämpfen, sondern auch für dich und für alle anderen Menschen mit ADHS.
Mein Weg ist es, dich darin zu stärken, dein ADHS anzunehmen und es für dich einzusetzen.
Damit du in die Welt ziehen kannst und stolz auf dich und auf dein Gehirn bist. Diese Sicherheit und Zufriedenheit soll sich fortpflanzen und Stück für Stück etwas in dieser Welt ändern.
Ich glaube für alle unsere Herausforderungen bietet die Welt eine gute Lösung und für unsere Stärken einen willkommenen Platz.
Lass uns jetzt gemeinsam deinen Platz finden.